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Zeitreise & Schatzsuche

Manchmal passiert es, dass ein geliebter Mensch sich verabschiedet. Dann muss man binnen kurzer Zeit seine Sachen räumen und aussortieren.

Als Rosa von uns ging hinterließ sie eine voll gestopfte Wohnung voller Schätze. Ich nahm was in meine blauen Säcke passte. Sortierte aus, was kein Mensch mehr gebrauchen kann. Stellte alles in den Keller, doch seit ein paar Tagen räume ich auf, sortiere und stelle bei Ebay rein, was nicht mit umziehen soll. Minimalistisch soll es im neuen Zuhause werden.

In der einen Tüte fand ich einen Beutel mit einer Tasche.
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Alleine, dass eine Tasche in so einen Beutel eingepackt ist, ließ mein Schatzsucher-Herz höher schlagen. Schutzhülle heißt: Schützenswert.

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Der zweite Gedanke war: Ist das… es ist Krokodil. Bäh. Warum nur? Das war mal modern, oder? Luxus? Wie unnötig.

Tasche auf und Blick hinein.
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Ein kleines Portemonnaie mit einem kleinen Zettel.
Handtasche gekauft am 11. Juni 1969 in… in wo? Meraui, Merom, Mera… erst mal twittern, vielleicht schreibt ja einer öfter Briefchen mit seiner Oma und kann das lesen.

Twitter/Instagram: Kann das einer lesen?

Meran also, aha. Gut, was sagt uns das? Nichts. Google sagt Meran liegt in Italien. Italien macht Designersachen. (m)Ein Schatz?!

53.000 hat die gekostet. 53.000 WAS? Google. Italienische Lira, also. Wikipedia sagt 1000 ITL = 0,51646 EUR. Rechne nach. Tasche kostet 27,56€ – kann nicht sein.
Vielleicht war die Währung ja mal mehr wert im Jahre 1969.

Wikipedia User GORGO (cc)

Wikipedia User GORGO (cc)

Was sagt mir das? 1969 lag der Kurs bei 180 ITL = 1 DEM.
Wie viel DEM (Mark) hat die Tasche also gekostet? 53.000ITL geteilt durch 180 ITL = 294.44,-

Nächste Gedanken waren ungefähr so: Eine Tasche als Krokodil kostet NUR 295 MARK?! Das kann doch nicht wahr sein. So ein schönes Tier für so einen Schleuderpreis zu verhökern!
Mhmm… vielleicht waren 295 Mark aber auch viel mehr als 150€ heute. Also, wie hoch war die Kaufkraft im Jahre 1969 im Gegensatz zu heute?

Kaufkraft anhand von einem Beispiel:

Der Verleger Münchmeyer bot 1870 dem Schriftsteller Karl May einen Redakteursposten mit einem Jahresgehalt von 600 Talern, also 1800 Mark, an. Die Kaufkraft dieses Gehalts bezogen auf das Jahr 2005 beträgt

1800 * 16,4 / (0,93 * 1,95583) = 16229 €

Anhand einer Tabelle habe ich für das Jahr 1969 den Wert 2,67 erhalten.

Also nehme ich jetzt meine 294.44 * 2,67 und erhalte den Preis der Tasche in unser Zeitalter übertragen.
786,17€

Was für eine aufregende Zeitreise.
So macht lernen Spaß!
Ich habe gelernt, dass Meran in Italien liegt, Italien bis 31.12.2001 Italienische Lira hatte, was Kaufkraft ist und wie man sie errechnet.

Heraus kam: Meine Tasche ist ein Vintage Schatz mit 44 Jahren auf dem Buckel – makellos erhalten… und aus Krokodil. Krokodil ist aus der Mode, ein glück und deswegen ist die Tasche nichts wert und wird weitere 50 Jahre gut verpackt im Schrank schlummern, bis die Kinder meiner Kinder meine Schränke ausmisten müssen. Natürlich mit einer weiteren Notiz von mir.

Hab euch ganz doll Lieb,
eure Waschbärmama <3

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Recycling – Second Hand

Einer der Gründe warum ich Second Hand so liebe: Es ist Umweltfreundlich. Nichts der Sachen wurde quer um die ganze Welt verschifft nur um nach Fließbandarbeit, betrieben von viel zu Unterbezahlten, endlich in deiner Hand zu landen. Das spart A) die ganze Route und somit Ressourcen und B) meidest du Großkonzerne. Aber es hat auch diverse andere Gründe.

Die Stimmung in den meisten Second-Hand-Läden ist freundlich und nicht aufdringlich. Es ist von Anfang an klar, dass es nicht alles in deiner Größe gibt und dass Frau Zeit zum durchstöbern braucht. Oft kann es vorkommen, dass man sich wünscht, die ein oder andere Größe zu haben, nur um dieses oder jenes Kleid zu tragen. Das haben eventuell auch schon etliche Schönheiten über meinen Fang gesagt. Dieses Exemplar ist aus den 80’ern und meine Beute in diesem Laden.

Second Hand ist ein bisschen wie Ü-Eier. Man weiß nie, was man bekommt. Im Gegensatz zu Konsum-Tempeln: War ich einmal bei H&M weiß ich, was mich bei Tally Waijl, Zara, Mango, Esprit, Vero Moda und Company erwartet. Qualitativ sind viele Dinge einfach hochwertiger, weil sie eben nicht in so großen Massen (und auf Absatz) gefertigt worden. Und wenn sie 50 Jahre überstanden haben, wieso sollten sie nicht noch weitere 20 Jahre überstehen?

Die Auswahl ist meist größer, dafür natürlich in den Größen beschränkt. Es ist ziemlich sicher, dass damit gerade kein zweiter herum läuft! Viele betonen, sie seien ja ach so Individuell und Alternativ – ich frage mich, wie das wirklich funktionieren soll – wenn man konsumiert wie jeder?!. Alternativen kann man nicht bei H&M (und Co.) kaufen und Individualismus hat keinen Preis.

Second Hand ist Herausforderung. Die Kombination nicht ganz so leicht, weil neben dem Top eben nicht die passende Hose hängt.

ABER: Und das liebe ich am allermeisten… ICH LIEBE ES, mir vorzustellen wer damit vor mir wohin damit gegangen ist. Da male ich mir die romantischsten Sachen aus. Manchmal frage ich mein Outfit: Kommt dir dieser Ort bekannt vor? Warst du schon einmal hier? Dann muss ich breit grinsen, weil ich mir vorstelle, wie das Outfit tatsächlich genau an diesem Ort war und nichts wiedererkennt :)